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Die Unvollkommenheit feiern

  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Der Abfluss war verstopft, das schmutzige Wasser konnte nirgendwo hin. War es verwunderlich, fragte ich mich, dass dies nur zwei Tage nach der großen Saturn-Neptun-Konjunktion passiert ist? Saturn steht für feste Strukturen, Neptun für den mächtigen Ozean – und da war er, der Ozean in meinem Spülbecken!


Es mag zwar erleichternd sein, anderen die Schuld zu geben – sei es Partnern, Politikern oder den Planeten –, aber Schuldzuweisungen ändern nur selten etwas. Also holte ich mein Handy heraus, fragte ChatGPT um Rat und bekam drei Lösungsvorschläge. Ich probierte den ersten aus und scheiterte; aber der zweite Vorschlag funktionierte. Abfluss frei, Problem gelöst. Danke, KI.


In meinem Alltag nutze ich seit langer Zeit drei Sprachen. Der Wechsel zwischen Englisch, Spanisch und Deutsch macht oft großen Spaß, kann aber auch ganz schön anstrengend sein. Deshalb schätze ich die Hilfe von KI bei Korrekturen und Übersetzungen. Ich nutze sie auch für Recherchen, juristische Fragen und für alltägliche Dinge, wie zum Beispiel herauszufinden, wie die neue Fernbedienung funktioniert. Alles sehr hilfreich. Aber wie wir alle wissen: Wo Licht ist, ist meist auch Schatten.


Kürzlich erhielt ich eine E-Mail von einem Autorenkollegen, der mich lobte und eine mögliche Zusammenarbeit anbot. Seine erste E-Mail schaffte es noch, mich zu täuschen, doch schon in der zweiten erkannte ich die mir bereits vertraute KI-Stilistik. Neugierig setzte ich den Briefwechsel fort, und wie erwartet, versuchte mir in der dritten E-Mail jemand seine Marketingdienstleistungen anzudrehen. Nicht weiter tragisch, mag man denken, doch leider nehmen diese Nachrichten von künstlichen Stimmen zu – und die einst klaren Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen immer mehr. Neptun hat Saturns Klarheit in dichten Nebel gehüllt.


Die Unvollkommenheit an einem nebligen Tag feiern.

Ich habe Google gefragt, wie viel Prozent aller Social-Media-Beiträge mithilfe von KI erstellt werden. Bist du bereit? Hier ist die Antwort:


Einige Prognosen gehen davon aus, dass bis Ende 2026 bis zu 90 % aller Online-Inhalte synthetisch generiert oder modifiziert werden könnten. Aktuell (März 2026) sind 71 % der Social-Media-Bilder KI-generiert, und über 50 % der längeren Beiträge auf LinkedIn stammen wahrscheinlich aus KI-generierten Quellen.


Ja, die KI-generierten Texte und Beiträge sind alle wunderbar perfekt. Keine Rechtschreibfehler, gut strukturiert, mit übersichtlichen Aufzählungen. Aber je mehr man diese künstlichen Beiträge liest, desto stärker wird das Gefühl der Leere. Eintönigkeit macht sich breit und plötzlich vermisse ich etwas, von dem ich als ordnungsliebender Steinbock nie gedacht hätte, dass es mir fehlen würde: Unvollkommenheit.


Ich bin nicht gegen die KI. Sie ist die Zukunft, die bereits Realität ist. Doch die rasante Geschwindigkeit, mit der sie unseren Alltag erobert, ist ehrlich gesagt beängstigend. Sind wir uns bewusst, was wir verlieren? Und sind wir bereit, es zu verlieren? Bald wird es vielleicht keine wirklich persönlichen Texte mehr geben, das Wilde könnte aussterben. Wie ein moderner Fluss wird jeder Satz perfekt begradigt; wie ein Tier im Zoo wirkt jeder Absatz äußerlich schön, aber innerlich leer. Wie können wahrhaft beseelte Worte in einer solchen Atmosphäre überleben?


Wir können nicht zurück. Wir können auch nicht anhalten, denn das Rennen in eine ungewisse Zukunft hat längst begonnen. Aber vielleicht könnten wir etwas das Tempo rausnehmen. Vielleicht könnten wir uns daran erinnern, dass Flüsse nur gesund sind, wenn sie sich schlängeln, und Tiere nur glücklich sind, wenn sie frei sind. Vielleicht könnten wir Unvollkommenheit feiern – nicht immer, und schon gar nicht, wenn der Abfluss verstopft ist, aber jeden Tag gibt es Gelegenheiten, die Dinge anders zu tun. Gelegenheiten, menschlich zu sein, statt perfekt.




 
 
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