Wahre Stärke
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Im Januar bin ich 50 geworden. Ich besitze ein kleines Imperium an Kleine-Buddha-Büchern und eine nette Plattensammlung. Eine wunderschöne Frau, eine wunderschöne Tochter, wunderschöne Schwestern und wunderbare Freunde. Das ist eine Menge, aber mehr auch nicht. Kein eigenes Haus, keine großen Ersparnisse, kein Drang, meine Seele zu verkaufen. Manchmal fühle ich mich machtlos.
Am 4. Juli dieses Jahres werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihren 250. Geburtstag feiern. Obwohl sie nicht im engeren Sinne ein Imperium sind, stellen die USA seit Langem die dominierende Macht in der Welt dar. Angesichts ihrer 750 Militärstützpunkte in über 80 Ländern und ihrer engen Verbindungen zu allmächtigen Technologiekonzernen ist es schwer vorstellbar, dass sich ihre Vormachtstellung in absehbarer Zeit ändern wird.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass jedes Imperium einst unbesiegbar schien. Die Römer mit ihrem riesigen Heer, ihrer wegweisenden Infrastruktur und ihrer grenzenlosen Dekadenz; die Spanier mit ihrer Seemacht und tonnenweise gestohlenem Silber; die Abbasiden mit ihrer Algebra, ihrer Weisheit und ihrem Sklavenhandel. Was hatten sie alle gemeinsam?
Alle Imperien sind irgendwann untergegangen. Das liegt vor allem daran, dass alles ein Ende hat (siehe dazu Die Kraft der Veränderung, der dritte Band der kleinen-Buddha-Reihe). Doch kein Imperium ist jemals von einem Tag auf den anderen untergegangen. Es gab stets bestimmte Bedingungen, die den endgültigen Zusammenbruch herbeiführten. Betrachtet man vergangene Ereignisse, so lässt sich ein Muster erkennen:
Eine herrschende Elite sichert sich einen immer größeren Anteil der Ressourcen → die normalen Steuerzahler werden ausgepresst → das Imperium mag noch reich erscheinen, aber der Staat verarmt → die Menschen hören auf zu glauben, dass die Machthabenden ihnen dienen → ein externer oder umweltbedingter Schock tritt ein → das geschwächte System kann ihn nicht verkraften.
Kommt dir das bekannt vor? Tatsächlich erleben wir gerade dasselbe Muster direkt vor unseren Augen. Die USA zahlen drei Milliarden Dollar Zinsen auf ihre Schulden – pro Tag! Normalbürger brauchen drei Jobs, um ihre Miete zu bezahlen, während die Milliardäre 'Wer hat die größte Rakete' spielen.
Die US-Dominanz mag noch einige Jahre oder gar Jahrzehnte andauern, doch die Risse im Imperium sind deutlich sichtbar. Täglich glauben weniger Menschen an Amerikas Größe und Hollywoods Versprechen eines Happy Ends. Während sich der auf Amerika ausgerichtete Westen als überlegene, hochentwickelte Gesellschaft sieht, wiederholt sich in Wahrheit derselbe primitive Kreislauf. Der Hauptunterschied zu anderen Imperien liegt in der Technologie: Wir sind im Grunde Römer mit Drohnen und Handys.
Ein sehr ähnliches Muster lässt sich auch beim Menschen beobachten. Der Tod durch Krebs und Herzversagen ist oft die Folge, aber nicht die Ursache einer Krankheit. Stress ist zur neuen Pandemie geworden: Es bleibt keine Zeit, sich richtig zu ernähren oder dem Nachbarn zuzuhören; keine Zeit zum Innehalten, Auftanken, Sitzenbleiben, die Sterne betrachten und einfach sein. Und eines ist sicher: Chronischer Stress, ob in einem Imperium oder im Individuum, schwächt das gesamte System.
Es gibt einen Kreislauf von Geburt und Tod, der alles Existierende bestimmt: Menschen, Königreiche und Planeten. Wir können nichts daran ändern, außer zu lernen, das Gegebene zu akzeptieren. Und doch bietet uns dieser unausweichliche Kreislauf die Möglichkeit, Stärke und Glück zu entwickeln. Im Laufe der Geschichte gab es viele Heilige und Gurus, die uns lehrten, was wichtig ist, doch die zentralen Herausforderungen sind stets dieselben geblieben: Vielfalt respektieren, im Hier und Jetzt verweilen und das Leben lieben, das uns geschenkt wurde.
Eines wird jedoch oft vergessen, wenn es um die Erhaltung eines gesunden Systems geht, sei es in einem Land oder bei einem Menschen: die Notwendigkeit, freundlich und sanft mit sich selbst umzugehen.

Ständiger Stress ist nicht sanft.
Zu schnelles Wachstum ist nicht sanft.
Sich selbst zu bekämpfen ist nicht sanft.
Der Mangel an Sanftmut spiegelt sich auch in den meisten modernen medizinischen Behandlungen wider. Sie basieren auf dem Prinzip „Anti“ – Antibiotika, Antidepressiva, Anti-Aging. Viele dieser Behandlungen sind zwar begrüßenswert, insbesondere in lebensbedrohlichen Situationen, sollten aber nicht die erste Wahl sein. Priorität müsste vielmehr die Schaffung eines harmonischen Gleichgewichts im System haben, um dessen Widerstandsfähigkeit zu stärken. Doch allzu oft werden gewaltsame Maßnahmen ergriffen, um in festgefahrenen Situationen die Kontrolle zurückzugewinnen.
Imperien und Länder tappen in dieselbe Falle wie Menschen. Man denke nur an die Gewaltanwendung der US-Einwanderungsbehörde ICE gegen US-Bürger, an die brutale Misshandlung pro-palästinensischer Demonstranten durch die deutsche Polizei, an die Kürzungen im öffentlichen Bildungs- und Gesundheitswesen durch den argentinischen Präsidenten — und so weiter und so fort. Im Jahr 2026 sind sanfte Maßnahmen kaum noch zu finden. Ist es da verwunderlich, dass Demokratien an Stabilität verlieren?
Ich bin mehrfacher Steinbock, und Steinböcke sind bekannt dafür, dass sie nicht entspannen können. Gäbe es eine olympische Disziplin in ambitionierter Entschlossenheit und Selbstkritik, würden Steinböcke jede Medaille gewinnen. In meinen 50 Lebensjahren ist es mir bisher jedenfalls nicht gelungen, wirklich sanft mit mir selbst umzugehen. Aber ich lerne immer mehr, wie wichtig es ist – und wie sinnlos es ist, sich dagegen zu wehren.
Gewalt verhärtet, und Verhärtetes zerbricht.
Sanftmut ist wahre Stärke.




